Ambient Journey ins Melkweg Amsterdam. Mit einem Auszug aus dem Buch The Ocean of Sound von David Toop zurück zur ersten Ambient Nacht ins Melkweg 1993 und weiter unten dann noch der passende Soundtrack – aufgenommen in eben diesen Melkweg und erst kürzlich bei mnml ssgs im Rahmen der Sunday Sounds gefunden.
…zum Aus-Chillen
Eine kalte Feitagnacht in Amsterdam im Oktober 1993. Drinnen im Melkweg tun zwei Männer in Schlafanzügen so, als würden sie im Stehen schlafen. Eine Frau in schwarzen hochhackigen Schuhen sieht fern, und drei Männer in dunklen Anzügen stehen auf einem Tisch am Ende des Raums. Ein Paar, dass man in vielfarbige Polyvinylanzüge im Stil von Julian Clary gesteckt hat, lagert im Zwielicht von Leuchtglobussen und Projektionen von Blubberdias. Gartenzwerge sitzen auf grünen Fliegenpilzen, ihre Ohren sind auf ein Hintergrundsummen indischer Tambouras gerichtet und auf einen Sound, der von Hirtengesängen irgendeiner nördlichen Gegend stammen könnte.
Von dieser Reminiszenz an Performancekunst der 70er Jahre gelangweilt, schlendere ich in andere Räume, wo es Live-Performances von programmierter Musik gibt. Am nächsten Abend, Teil zwei von Amsterdams erstem Ambient-Wochenende, beobachte ich die frischen Kuriositäten des Ambient-Club-Phänomens von der Loge des Melkweg aus. Nach einem Didgeridoo-Duett, das direkt neben einem blumengeschmückten DJ-Pult dargeboten wurde, treten Chris & Cosey auf.
Hinter ihren Keyboards sehen diese beiden Veteranen der grauen elektronischen Industrial-Musik der frühen 80er Jahre von Throbbing Gristle aus wie zwei einfarbige Schaufensterpuppen. Sie sind statisch, die Musik ist statisch, der Laden ist total voll, und DJ Per, der den Abend zusammen mit seinem Bruder organisiert hat, ist sehr glücklich. Ihn amüsiert die Situation allerdings auch. Nachdem der Melkweg gerade seine Kiffermatratzen und sein Image als Hippie-Mekka Europas mühsam losgeworden ist, wird der Ort erneut von einem katatonisch in Rückenlage auf sanftem Untergrund herumliegenden Publikum heimgesucht.
(…) Während des Biosphere-Auftritts entdecke ich einen offensichtlich zeitreisenden Punk mit Exploited-T-Shirt und Irokesenschnitt, der im Lotussitz meditiert, während Samstagnacht-Ausgeh-Leute, immer auf dem Sprung, sich umschauen, was der Laden so verspricht. Ein Hippie, der in der Mitte der Tanzfläche auf dem Rücken liegt, hält einen abgebrannten, aber noch glühenden Spliff in die Luft, offensichtlich ohne an die wenig entflammbaren Leute um ihn herum zu denken. Ein schwer zu beeindruckendes Publikum.
Aus dem PA-System kommt ein Loop mit zwei Tierstimmen. Dieses Sample aus einem Spielfilm bildet die Basis des Biosphere-Tracks “Phantasm”: We had a dream last night …We had the same dream. Ein quälendes Ostinato aus zwei Tönen und diese beiden bösartigen Stimmchen bauen eine fast schon mit Händen greifbare Spannung in den Raum auf. Fotos der Erde von einem Spaceshuttle aus füllen die Leinwände hinter Geir. Und als nun schließlich die Bassdrum einsetzt, wird dieses zähe Publikum wild.
(…) Geir möchte gern ein Ambient-Klischee begraben: “Ich hasse es, wenn jemand meine Musik als Hintergrund einsetzt. Als ich John Hassel oder Brian Eno hörte, wurde ich inspiriert, mehr über den Himalaya oder Astronomie zu erfahren, über Ägypten und Archäologie. Ich möchte, dass die Leute inspiriert werden und anfangen, astronomische Texte zu lesen und eine neue Vorstellung vom Universum gewinnen. Dass sie neugierig werden.”
aus The Ocean of Sound von David Toop (1997)
