Happy New Year!

happy new yearIch hab kurz nach 0 Uhr ein brennendes Dings von meiner Leuchtkugelbatterie ins Auge bekommen und schon war mir klar, dass eigentlich alles einfach immer weiter geht. Von wegen Neuanfang und so. Dieses Ritual, sich von Altem zu verabschieden und Neues zu begrüßen ist zwar schön und gut. Wer aber mit beginnender Erkältung und irgendeinem Scheiß im Auge den Neujahrstag begeht, der sieht doch alles gleich wieder viel nüchterner. Entweder ist immer Silvester oder niemals. Guckt man sich zudem halbwegs kritisch in der Welt um, so kann man eigentlich auch nur noch feststellen, dass ein Scheiß in Ordnung ist. Die Politik rüstet sich langsam aber sicher gegen das Volk und vermeintliche Sicherungsinstitutionen dagegen versagen nach und nach ihren Dienst. Immer schön nach Osten zeigen aber nicht vor der eigenen Tür kehren – Leute, das geht nicht lange gut! Mir kleinen Ost-Teenager hat vor circa 16 Jahren mal so ein alter Hippie gesagt, dass am Ende noch alles viel beschissener werden wird, als es in der DDR zuletzt war. Und wenn ich mich jetzt umhöre, dann muss ich doch leider feststellen, dass er höchstwahrscheinlich recht gehabt hat. Ratlos kratze ich alle mir bekannten Theorien zusammen und versuche die Fragen zu finden, die bisher keiner so explizit gestellt hat und weshalb auch die richtigen Antworten dazu fehlen. Ob ich mich nun an Ausblicke aus Vorlesungen zur Volkswirtschaftspolitik erinnere, Klimaforschung  oder den Maya-Kalender studiere, eins bleibt gleich: Es wird definitiv beschissen werden. Deshalb will ich wenigstens meinen Körper und Geist so fit wie möglich machen – auch weil mir mein Körper in den vergangenen Wochen ganz klar angesagt hat, dass es so nicht weiter geht. Notfalls höre ich eben sogar auf zu rauchen. So ist man wenigstens selbst noch handlungsfähig und hat vielleicht noch ne Chance.

Doch wie war das? Am Ende ist immer noch Musik da. Außerdem gilt wie für dieses Silvester-Dings im Auge sowieso immer: Nichts wird so heiß gegessen, wie es gekocht wird bzw. am Ende ist alles halb so wild. Mein Auge ist okay! Na bitte, es geht doch. Und zuletzt wird uns wohl nur die anscheinend einfachste und zugleich schwierigste aller Lösungen retten: Make love everybody, make love!

In diesem Sinne, keine Angst und auf ein Neues,

Deine Monday Edition

Doku: Requiem for Detroit

Detroit ist in dieser ersten Maiwoche wieder schwer vertreten – jedenfalls in meinen Newstickern – und vielleicht liegt’s auch ein bisschen am vergangenen 1. Mai Wochenende. Die Doku Requiem for Detroit passt da auch ganz hervorragend ins Programm, jetzt wo sich die Finanzkrise schleichend fortsetzt und in Griechenland angebliche Revolutionäre Bankangestellte an ihrem Arbeitsplatz verbrennen. Detroit war in den vergangenen 100 Jahren der Welt schon immer ein Stückchen voraus. Erst Henry Fords Fließband, die erste Krise, ein Kriegsboom, ein noch größerer Boom, die nächsten Krisen und in den letzten Jahrzehnten ist Downtown Detroit so richtig krachen gegangen. Requiem for Detroit zeigt nicht nur, wie krass es vor der Studiotür von so manchem meiner Lieblingsproduzenten aussieht – sie erklärt auch ziemlich gut, wie es dazu gekommen ist. Alles Neue macht der Mai… (via De:Bug)

Video: Another Cloud Reel… on Vimeo

Another Cloud Reel… from Delrious on Vimeo.

Footage shot over the summer of 2009 mostly in the San Francisco bay area.
Music by His Boy Elroy.

The Ocean of Sound: Melkweg – Ambient Journey

melkweg ambient journey the ocean of soundAmbient Journey ins Melkweg Amsterdam. Mit einem Auszug aus dem Buch The Ocean of Sound von David Toop zurück zur ersten Ambient Nacht ins Melkweg 1993 und weiter unten dann noch der passende Soundtrack – aufgenommen in eben diesen Melkweg und erst kürzlich bei mnml ssgs im Rahmen der Sunday Sounds gefunden.

…zum Aus-Chillen

Eine kalte Feitagnacht in Amsterdam im Oktober 1993. Drinnen im Melkweg tun zwei Männer in Schlafanzügen so, als würden sie im Stehen schlafen. Eine Frau in schwarzen hochhackigen Schuhen sieht fern, und drei Männer in dunklen Anzügen stehen auf einem Tisch am Ende des Raums. Ein Paar, dass man in vielfarbige Polyvinylanzüge im Stil von Julian Clary gesteckt hat, lagert im Zwielicht von Leuchtglobussen und Projektionen von Blubberdias. Gartenzwerge sitzen auf grünen Fliegenpilzen, ihre Ohren sind auf ein Hintergrundsummen indischer Tambouras gerichtet und auf einen Sound, der von Hirtengesängen irgendeiner nördlichen Gegend stammen könnte.

Von dieser Reminiszenz an Performancekunst der 70er Jahre gelangweilt, schlendere ich in andere Räume, wo es Live-Performances von programmierter Musik gibt. Am nächsten Abend, Teil zwei von Amsterdams erstem Ambient-Wochenende, beobachte ich die frischen Kuriositäten des Ambient-Club-Phänomens von der Loge des Melkweg aus. Nach einem Didgeridoo-Duett, das direkt neben einem blumengeschmückten DJ-Pult dargeboten wurde, treten Chris & Cosey auf.

Hinter ihren Keyboards sehen diese beiden Veteranen der grauen elektronischen Industrial-Musik der frühen 80er Jahre von Throbbing Gristle aus wie zwei einfarbige Schaufensterpuppen. Sie sind statisch, die Musik ist statisch, der Laden ist total voll, und DJ Per, der den Abend zusammen mit seinem Bruder organisiert hat, ist sehr glücklich. Ihn amüsiert die Situation allerdings auch. Nachdem der Melkweg gerade seine Kiffermatratzen und sein Image als Hippie-Mekka Europas mühsam losgeworden ist, wird der Ort erneut von einem katatonisch in Rückenlage auf sanftem Untergrund herumliegenden Publikum heimgesucht.

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Zurück von der Fusion 2009 :)

Radio Island Interview mit Homo Elektrik Leipzig

homo elektrik interviewParty, music and politics – das nichtkommerzielle Partykollektiv homo elektrik aus Leipzig gibt es seit fast neun Jahren. Im Sommer organisieren die Leute von homo elektrik Raves unterm Sternenhimmel bis zum Sonnenaufgang. Bei schlechterem Wetter laden Sie zum Beispiel in alten Fabrikgeländen zum Tanz – und das nicht nur in Leipzig. Sie verstehen sich selbst als queeres Projekt und wollen die Leute bei (meist) minimaltechnoider Musik zum Tanzen und zum Nachdenken bringen. In der vergangenen Zeit hatten sie nach eigener Aussage eine kleine Reflexionsphase. Das Ergebnis: homo elektrik wird es auch weiterhin geben, Veränderungen aber auch… Bei Radio Island haben Antje und Mirko von homo elektrik im Interview die dringenden Fragen beantwortet.

Berghain: Wann ist eigentlich Sonnabend?

berghain tobias rappNach der De:Bug hat auch die Jungle Word ein Kapitel aus Tobias Rapps Buch Lost and Sound: Berlin, Techno und der Easyjetset veröffentlicht. In der De:Bug ging es irgendwie darum, wie versteckt die eigentlich doch so präsente Technokultur in Berlin zu finden ist und was da so alles zu finden ist. So richtig hat mich das ja nicht vom Hocker gehauen. Da finde ich dieses  Kapitel schon viel besser. Hier geht’s Tobias Rapp um das Berghain und die Panorama Bar, der vielleicht beste Club der Welt und Berlins Touristenattraktion Nummer 1, und was diesen nun so besonders macht:

Über das Schreckensregime des Türstehers, Rave und Religion, die steigende Euphoriekurve, das Drinnen und das Draußen und das ewige Halbdunkel des Morgengrauens. Ein Samstag im Tempel des Techno, dem Berghain.

von Tobias Rapp

Wann genau ist eigentlich Samstag? Fast alle Clubs machen um Mitternacht auf, am Ausgehsamstag ist also immer schon Sonntag. Die Zeit vorher muss man herum­bringen, in Bars, auf der Straße, wenn es gar nicht anders geht, auch zu Hause. Wer in einer Samstagnacht vor ein Uhr in einen Club geht, landet unweigerlich auf einer leeren Tanzfläche, die von einem DJ bespielt wird, der genau weiß, dass niemand um diese Zeit tanzen will, und der deshalb Musik spielt, zu der auch niemand tanzen würde, wenn denn jemand da wäre. Ist aber nicht. Die Leute stehen vor der Tür. In der Schlange.

Das ist überall so, vor allem aber vor dem Berg­hain. Lang und diszipliniert zieht sie sich durch den märkischen Sand. Ganz hinten eingegrenzt von Baustellengittern, in der Nähe der Tür dann s-förmig von Stahlsperren in eine raumsparende Form gebracht, als wollten die Leute in ein anderes Land einreisen. Wollen sie auch, gewissermaßen. Gemeinhin geht man ja davon aus, das Warten vor einer Clubtür habe etwas mit dem Anspruch auf Exklusivität zu tun, den der jeweilige Laden geltend mache. Ein Glaube, der wahrscheinlich noch immer fernes Echo des gequälten Stöhnens all derjenigen ist, die in den späten Siebzigern einmal darauf warteten, in das New Yorker Studio 54 hereingelassen zu werden, die berühmteste Discothek des 20. Jahr­­hunderts. Dort stellte das Schreckensregime des Türstehers jene Mischung aus Celebrity, Geld, Schönheit und Jugend her, um die sich auch heute noch einige Sehnsüchte ranken. Man wurde herangewunken, um hineingelassen zu werden – oder eben nicht, dann musste man da­­bei zuschauen. Was sich den Rest der Nacht hinziehen konnte, es zwang einen ja niemand, dort auszuharren, außer die schiere Attraktivität aufmerksamkeitsökonomischer Macht, die das Nachtleben von Städten regiert, in denen Berühmtheit, Reichtum und Geschmack zusam­mengehören. Was in Berlin nicht der Fall ist.

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Ein Traum in Erdbeerfolie

Ein Traum in ErdbeerfolieEs ist bestimmt schon angekommen: es ist Berlinale in Berlin. So waren wir am Dienstag zur Premiere des Dokumentarfilms “Ein Traum in Erdbeerfolie” von Marco Wilms. Passend zur Rubrik Panorama & Retrospektive (und natürlich 20 Jahre Mauerfall) entpuppte sich das als Doku über den Mode-Underground der DDR. Zu sehen waren unter Anderen die wirklich tolle Designerin Sabine von Oettingen, der unglauliche Frisör, Stylist und Model Frank Schäfer und der Wandel des Fotografen Jürgen Hohmuth. Für mich  gabs die größte Überraschung, als Sven Markquardt als der Fotograf der ostberliner Underground-Mode vorgestellt wurde. Mit diesen großartigen Protagonisten schuf Herr Wilms einen Film, der spannend war und unterhalten konnte. Er schuf jedoch zu Beginn auch eine Erwartungshaltung, der er am Ende nicht ganz gerecht wurde. Aber vielleicht können die ihre Zuschauer einfach so gut in den Bann ziehen – vielleicht so gut, dass man nach der Show immer das Gefühl hat, als hätte man auf jeden Fall noch nicht genug gesehen. Das Publikum freut sich schon auf das DVD-Bonusmaterial und die Berlinale geht noch bis zum Sonntag.