Letzter Teil der Retrospektive: Das Jahr 1997 steht für mich für eine blühende Techno-Szene, die es schaffte wirklich großartige Tracks zu prodzieren und sich dabei gut vom puren Komerzgeschäft abgrenzte. Für mich war und ist der Techno-House Spirit, gern umschrieben mit Love, Peace & Unity, einfach großartig und für mich funktionierte das auch 1998, 1999 sehr gut. Techno – mein Lebensentwurf. Wolle XDP spricht in der Doku We Call It Techno von dem Ziel, dass die Leute (über die Musik und deren repetivtiven Charakter) in einem Trancezustand ein Gemeinschaftsgefühl erfahren und damit zu einer Menschlichkeit zurückfinden, zu der sie sonst vielleicht nicht finden können. Auch wenn das ein bisschen esotherisch verspinnert klingt verstehe ich, wovon er da spricht. Die beste Zeit dafür ist übrigens Morgens ab 5 Uhr und wenn ich zu dieser Zeit heute irgendwo auflege, dann habe ich immer noch genau das im Hinterkopf.
Natürlich geht es zuerst einmal um Spaß. Die Momente, die Techno und House aber zu etwas ganz Besonderen machen sind jene, wo zum Beispiel der Aggro-Typ von vorhin dann irgendwann völlig versunken auf dem Dancefloor zu Musik tanzt, die er so definitiv noch nie gehört hat und sich dabei alle Aggressionen und Sorgen von Gestern und Morgen verlieren – was zählt ist der Moment, der Rhythmus, die Bewegung. Je mehr Leute so etwas gleichzeitig empfinden, desto stärker wird dieser Effekt und wenn das besonders gut funktioniert hat, dann spendet ein solches Erlebnis sehr viel positive Energie und wirkt weit über die Nacht hinaus. Woran liegt es aber, ob das Besondere von Techno und House auf einer Party entsteht oder nicht?
2000 – 2003
In dieser Zeit wurde es immer offensichtlicher, dass die natürlichen Wachstumsmechanismen der Musikindustire immer stärker auch die Musik im sogenannten Underground bestimmten. Harter Techno wurde immer einfacher strukturiert und bekam das Label Schranz verpasst. Irgendwann hieß es einfach nur noch härter, schneller, krasser – cool, wenn nicht – nicht cool. Wo 1999 noch Deephouse gespielt wurde, kam auf einmal Disco-House. Kurz: die Musik wurde für den Mainstream sehr zugänglich. Auf einmal gab es oft keinen Unterschied mehr zwischen einer normalen Disko und einem Techno- bzw. House-Club und das verbunden mit dem ganzen Scheiß, den Disko so mit sich bringt. Spielte Alkohol vorher nur eine untergeordnete Rolle, so wurde plötzlich auf den Partys gesoffen was das Zeug hält. Die Bar freute das natürlich und so wurde noch verstärkt auf Disko und Schranz gesetzt. Ich musste sehr oft erleben wie die absolute Mehrheit der Leute nur auf den nächsten Hurra-Effekt wartete, war dieser auch noch so billig und plakativ. Und was im Jahr 1997 mit der Champange EP von Miss Kittin and The Hacker noch völlig harmlos begann gipfelte bald im Electro-Clash-Crash.
Eigentlich war ich in dieser Zeit als DJ zeimlich gut gebucht. Bald hatte ich das, was ich mir am Anfang so gewünscht hatte. Ich spielte zur Peaktime auf der Mainstage – und gut, es war nicht jeder Abend schlecht. Ich war mir über das Besondere von Techno und House, was ich eingangs beschrieben habe, noch nicht so bewusst wie heute. Irgendwann wurde mir jedoch klar, dass ich diese Entwicklung zur Disko nicht länger mittragen und miterleben wollte. Vielleicht gab es noch ein paar Ausnahmen wie das Ostgut in Berlin oder die Sets von Ricardo Villalobos, die zu dieser Zeit wirklich was Besonderes waren – aber das, was Techno und House für mich ausmacht, war sonst leider zu weiten Teilen verloren gegangen.
Back to House
Immerhin war ich nicht alleine mit dem, was ich damals über die Techno-House Szene empfand. So gründete sich 2002 in Halle mit dem ZK ein wirklich kleiner Club, der neben unserer Musikauswahl schon allein durch seine Größe ein Statement gegen die uns dort umgebende, kommerzielle Diskowelt setzte. Wir wollten eine Umgebung und diese Grund-Atmosphäre schaffen, in der sowas wie House oder Techno überhaupt wieder stattfinden kann. Der Raum, eine gewisse Offenheit der Leute und natürlich die Musik sind die drei Faktoren, die dafür essentiell sind und die sich auch gegenseitig aufeinander auswirken.
Der Raum benötigt neben einer irgendwie angenehmen oder speziellen Atmosphäre auch eine gewisse Grundgröße, so dass er eine leichte Fluktuation auf dem Dancefloor zulässt. Am aller Wichtigsten ist jedoch die Beziehung zwischen der Offenheit der Leute und der Musik. Es ist nur natürlich, dass die Meisten mit gewissen Erwartungen am Abend ausgehen. Neben ökonmoischen Gründen verzichteten wir anfangs völlig auf Gast-DJs und ein Resident spielte stattdessen die ganze Nacht, um auch so die Erwartungen ein wenig einzudämmen. Und mit Erwartungen musikalisch geschickt umzugehen ist für mich das, was einen guten DJ ausmacht. Wer als DJ nur auf Bewährtes und somit Erwartetes zurück greift, ist nur Disko. Wer aber einen Groove spielt, der den Techno-House Spirit in sich trägt und sich außerdem traut, den Dancefloor (wie auch immer) jenseits seiner Erwartungen zu überraschen, der öffnet so den Weg für eine Zeit, in der man House und Techno wirklich fühlen kann.
Passend zum Rückblick in dieser Woche gibt’s dazu den Podcast. Es kann nur eine äußerst unvollständige Retrospektive sein. Ich denke aber, es ist jede für mich relevante Facette in einer kleinen Andeutung vertreten. House war dabei schon immer irgendwo ein Thema – damals war’s aber vor allem Techno!
Bis 95 war also das Techno/Rave Ding gewachsen und gewachsen und endlich war ich damals fast 16, so dass ich als Junge auch ne halbwegs realistische Chance hatte, Partys zu besuchen. Am Wochenende der Loveparade 95 war ich im Urlaub in Spanien und irgendwie war diese Loveparade bis dorthin zu spüren. Es war das Thema überhaupt. In der nahe am Zeltplatz gelegenen Disko waren wir fast jeden Abend und haben da auch sowas ähnliches wie Techno gehört. Ich hörte dort aber auch mein erstes wirkliches Techno-Mixtape und von diesem Moment an war ich mit dabei. Zurück in Deutschland besuchte ich zum ersten Mal einen Plattenladen und bald standen zwei Plattenspieler im Kinderzimmer – verbunden mit einem Mixer, den ich damals bei Westfalia gekauft hatte.
Es gibt einen neuen DJ Mix von Daniel Stefanik. Alle die mich ein bisschen kennen, die wissen, dass ich Herrn Stefaniks Musikgeschmack sehr schätze. Und der neue Mix mit dem Namen Electronic Artform gefällt mir besonders gut! Er zeigt uns seine Einflüsse aus Aril Brikha, Detroit, Dub, Techno und 90er IDM. Alles handgemixt auf zwei Technics und nem Battlemixer – das man sowas jetzt dazu schreiben muss.. Voll geil, ey! :)
Zwanzig Jahre Techno – Tanith und Wolle XDP sind im Gespräch wie lange nicht mehr. Am Montag Abend waren die Beiden im Videostream-Mix beim Berlin Mitte Institut. Musik gab’s dabei aus den Jahren von 1995 bis 2003. Ich habs gesehen und gehört – es war ne wirklich schöne Sendung. Und für alle, die es verpasst haben, gibt’s jetzt den Download und zwei Videos:
Nur noch 18 Wochen und dann ist schon wieder Nachtdigtial im Bungalowdorf Olganitz. Mitten in Sachsen, bei Oschatz findet nun schon seit zwölf Jahren dieser kleine Rave statt. Lange bin ich dort nicht hingefahren, weil ich irgendwie nicht so die super Party-Assoziation mit dieser Gegend verbinden konnte. Doch einmal Nachtdigital und schon war ich überzeugt – es ist das OpenAir mit der definitiv besten Musikauswahl. Wer dieses Jahr auch dabei sein will muss sich ein kleines Bisschen beeilen, denn 2000 der 3000 Tickets sind schon weg. Letztes Jahr gab’s zum ersten Mal keine Abendkasse und das bleibt wohl so.
Zwei Jahre gibt’s nun den Tresor im alten Kraftwerk in der Köpenicker Straße. Am Wochenende bin ich erst wieder daran vorbei gefahren und ich muss schon feststellen, dass mich diese Location immer wieder bewegt. Vor allem macht sie mich traurig. Immerhin war ich um 2000-2002 auch relativ regelmäßig Gast der Headquaters an ihrem New Faces-Mittwoch im Keller und mein Debüt, kurzfristig eingesprungen, an einem Mittwoch nach der Loveparade werde ich niemals vergessen. Nach meinem Probelauf als Warmup-DJ hatte ich doch tatsächlich sowas von Glück, denn gegen 5 Uhr überließ mir Larko die Platenspieler erneut. Ich glaube, ich habe dann eines meiner besten Techno-Sets ever gespielt – während Larko völlig erschöpft, hinter mir unter dem kleinen Plattenkistenbrett, auf dem Fußboden schlief. Ich spielte meine Kiste im Autopilot-Modus fast komplett durch – was ich auch tat, alles passte und der Schweiß tropfte kontinuierlich von der Decke. Als mir dann in den späten Morgenstunden gesagt wurde, ich sollte doch langsam Schluss machen, war ich mit meinem Repertoire eh durch fuhr langsam runter. Ich beendete den Abend mit Herz aus Stahl von Christian Morgenstern. Die Musik war aus, aber der Tresor immer noch voll und es gab zum ersten mal richtigen Applaus für mich. Ich habe wirklich ein paar Glückstränen vergossen.. True Spirit!
Random Circuits gehen mit ihren Podcast den eingeschlagenen Weg weiter. So gab’s vor zwei Wochen einen weiteren schönen House-Mix von einem noch relativ unbekannten und somit frischen DJ und Produzenten – Stereociti aka Ken Sumitani aus Tokio. Nach seinen ersten Releases auf Deep Explorer und Mojuba werden hier jetzt Klassiker und ziemlich aktuelle Tracks wie in einem Guss gemixt. Seht und hört selbst:
Ich weiß es zwar nicht ganz genau, aber ich tippe auf ein eigenes Labelprojekt von Sven Weisemann – Essays. Nummer 1 ist als handliche 7″ erschienen und vereint in der Plastik-Schutzhülle das Whitelabel Vinyl mit dem Kunstdruck „Treiben“ von Chen Yun Wang. Es ist aber nicht nur so, dass diese 7″ Leontica EP von innen nach außen läuft, ihr ein Kunstdruck beigelegt ist und sie somit schon fast alle optischen Besonderheiten aufweist, die ein Sammlerherz erfreuen können. Viel mehr hat hier Herr Weisemann auch mal Tracks veröffentlicht, die sich endlich ein bisschen vom bewährten Muster lösen und einen Schritt zur Seite oder -je nach Perspektive- auch einen Schritt nach vorne wagen. „Treiben“ passt dabei auch perfekt zur Musik. So erinnert mich der A-Track „Rootless“ ein wenig an wunderschöne, ältere Space Night Tracks von Elektrolux und B „Garden Of Fantasy“ bringt die Synapsen sofort auf ERP-Schwingung. Zwei Vergleiche, die ich hier jetzt einfach Mal bemühen muss, weil mir zu den Tracks auch nichts weiter einfällt – außer dass sie einfach wunderschön sind. Don’t miss!