Santiago Salazar – Arcade (Macro 011) – Stefan Goldmanns Label Macro wird immer seltsamer und immer besser. Die Tradition von House/Techno scheint hier nur noch der Ausgangspunkt für einen Trip in die weißen Stellen der Sampling-Landkarte. So ist die jüngste Laufnummer 11 von Santiago Salazar eine erdig psychedelische Pilzsuppe aus fernöstlichen Samples und einem tonnenschweren Krautrock-Synthie-Brummen. Ambient-Slowhouse-Drone, falls es dieses Genre schon gibt. Warum nur sechs Minuten? Der Remix von Stefan Goldmann erscheint da erstmal deutlich konventioneller und auf Spielbarkeit, zumindest in den frühen oder sehr späten Abendstunden ausgerichtet – würde das stück nicht nach der hälfte unverhofft in einen gefühlt japanischen Historienfilmsoundtrack umschwenken.
Tensnake – In the End (I want you to cry) (Running Back RB015) – Wäre Justus Köhncke in dieser Runde nicht schon vertreten, der Köhncke-Disco-Gedächtnispreis gebührte Tensnake. Das Titelstück ist so ein superoptiertes, sensationell klingendes Stück Neo-Disco mit subtilen Ambienteinflüssen und dieser kaum zu greifenden Aura einer Retro-Modernität, die die Utopie die „Disco“ einmal war aufgreift und in eine ganz neuen aktuellen Kontext umsetzt. Etwas das eigentlich nur Köhncke beherrscht. In diese Disko kommt jeder rein. Neu-Alt-Neu, Whatever. Unwiderstehlich ist das Adverb zu diesen Tracks.
Justus Köhncke – Don’t Go (Kompakt 185) – Hier ist die Mjunik Vocoder Space-Disco zu Hause. In Kölle nähmlisch. Vom Meister persönlich angerichtet. Mit Gummitwist. Dirk Leyers‘ pumpend-minmaler Mix von „It’s gonna be alright“ wärmt mich bislang noch nicht so wie das Original. Braucht vermutlich die richtige Gelegenheit und Uhrzeit.
Karou Inuoe – esc (Endless Flight 13) – Und nochmal schwelgerische Synthie-Disco, diesmal aus Japan. Ist einfach zuu schön. Der endlos langsam glimmende Remix von John Daly macht auch alles richtig.
Diskjokke – Asa Nisi Masa (Full Pup FP019) – Jawoll. Prins Thomas‘ Full Pup endlich wieder auf Kurs. Diskjokke treibt hier Schabernack mit einer hirnzersetzender Acid-Sauce im typischen Osloer Sofarocker-Rhythmus. Erinnert mich seltsamerweise gerade an so britisches Mittneunziger-Zeug auf N-Tone oder Warp. Kann das sein?
Pan/Tone – Shame EP (Cereal Killers c/k11) – Sheldon Thompson lässt die Hosen runter. Schon wieder. Hört das denn nie auf? Seine neue EP auf seinem eigenen Label lässt erstmals hören was sich in seinem exzellenten Live-Set letztes Jahr schon angekündigt hatte: Weniger hartes Rocken, dafür Deepness, Konzentration. Das Titelstück ist so ein zartschmelzend euphorisches Slowhouse-Stück, etwas das ich von einem körperlich wie charakterlich eher, äh, „robusten“ Whiskey-Trinker wie Thompson so gar nicht erwartet hätte. Tolle Sache. Einizges Manko: Der Deprigitarrengetriebene Gui Boratto Mix von Lost Highway auf der B spielt gelinde gesagt nicht gerade in meiner Disco.
Bozzwell – Escape 5 (Firm31) – Der jüngste Neuzugang auf Firm läst sich mächtig Zeit bis nach etwa zwei Minuten aus Ambient/Field Recording Geknusper ein gaanz langsamer Vocal-House Burner wird, wie früher mal Closer Musik. Andre Kramls Remix kommt da deutlich schneller zur Sache. Und der Popnoname/Dee Pulse Mix von Marlena’s Eyes auf der B1 ist eine kleine Perle an poppig federndem Tech-House. Alles sehr eigenwillig, authentisch und gut. Firm machen konsequent ihr eigenes Ding. So kann „Deep“ auch gehen.
DJ Koze – Mrs Bojangles (Circus Company CCS037) – Topfschlagen für Erwachsene. Koze feilt weiter an seiner unnachahmlichen Mischung aus unendlich verfeinertem Minimal-Sound und wahrhaft kindischer Freude an Höspiel-Intermezzi und albernen Filtereffekten. Klingt nach harter Arbeit. Warum Bodhisattva nach Indien ging wird uns diese Platte aber vermutlich auch nicht erklären können.
André Lodemann – You never know (Best Works BWR002) – Die Laufnummer Zwei des Lodemannschen Labels, wieder von ihm selbst bespielt kommt wesentlich knochiger rüber als das üppige Vocal-House des Debüts erwarten liess. Ein heftiger ungerade-gerader Rhythmus macht die A zu einer spannenden Angelegenheit. Ohne je gerade durchzuwummern findet das Stück doch zu einem distinkten Groove. Ziemlich clever und eigen.
Unknown – Swarm/Hubble (Thriller002) – Auf dem britischen Label, das sich mit grauschwarzer Anonymität schmückt wird sich auch am Erbe der frühen Neunziger abgearbeitet, spezifisch an dem was sich in komplett zerbombten Köpfen zwischen Kornfeld-Rave und Leftfield noch so zusammenklauben lässt. Zwischen Wow! und Oha! Kaputter Psycho-Scheiss des Monats. Läuft rückwärts von Innen nach Außen.
John Talabot – My old school (Permanent Vacation permvac 033) – Kann Bitte endlich mal jemand die Verwendung afrikanischer Tribal-Samples, besonders dieses eine „Timbuktu“ Sample, ihr wisst schon, unter empfindliche Strafe stellen? Danke! Ansonsten hab ich an diesem, klar, mächtig kommerziellen und, auch klar, mächtig pathetischen, Maxmimal-Melo-House aus zig geschichteten Streicher/Klavier/Ethno Samples eigentlich nichts auszusetzen. Zu einem Trend (vergleiche vor kurzem auch Culoe de Song oder Wareika) muss das aber von mir aus nicht werden.
Martin Buttrich/Jona – Stoned Autopilot (C2 Remix) (Planet e PLE65299) – Um diese Platte bin ich ziemlich lange rumgeschlichen. Ein perfekt austarierter C2 Mix zwischen notwendiger Härte und zugewandter Freundlichkeit, zwischen notwendiger Monotonie und hittigen Effekten. Aber bei aller Liebe: Irgendwann ist jetzt auch mal Zeit sich was neues einfallen zu lassen, Herr Craig. Die B von Jona kommt da erstaunlich frisch rüber.
Und noch einer, der grade einen Lauf hat: Martyn. Auf dem Curle Sublabel Metisse aus Belgien remixt er Efdemin’s Acid Bells. Größte Beachtung findet dabei wohl weit und breit der Dark Mix – der eigentlich der Bittersweet Mix sein sollte, wie man
Diese Woche gab’s die Neue von Levon Vincent auf Deconstruct 02 – seine dritte EP seit Dezember. Erste große Aufmerksamkeit gab es für Inivisible Bitchslap auf Deconstruct 01 und ihrem Nachfolger Six Figures EP auf Novel Sound. Und Mr. Vincent weiß was er tut. So geht es wie bei den Platten zuvor im rohen, leicht düsteren Beat stampfend vorwärts. Solemn Days hat dabei eine Sirene am Start, welche den Dancefloor ziemlich zwingend in Alarmstimmung versetzt. Die B-Seite geht es dann etwas entspannter an. Ein Hauch von Dubtechno überzieht das Gerüst des Tracks und so entsteht ein entspannter Groover, der mit überraschenden Vocalstückchen dazu einlädt, davon zu fliegen. Platte der Woche.
Diese Woche gibt’s den zweiten Teil zum Bleep43 Beatdown Special – die 6 Stunden sind komplett. Beatdown mal weit definiert: The Afterlife, K-Alexi & Co. Nachdem, was ich bisher gehört habe, scheint mir dieser Teil für meinen Geschmack noch ein bisschen besser zu sein. Classics!
Und weiter geht’s bei Bunker mit Mike Huckaby und es ist wieder ein klasse Mix. Der Bunker Podcast ist zur Zeit wirklich mein Favorit..
Vielleicht hat jemand schon gemerkt, dass hier langsam auch die Technik-Abteilung mehr Beiträge bekommt. Heute gibt’s ein Interview mit Dieter Doepfer von MusoTalk während der NAMM 09. Er erzählt hier mal mit vielen Hintergründen was er bisher alles so gemacht hat und wie es weiter geht. Zu Modulsystemen und zur Frage Analog vs. Digital hat Herr Doepfer natürlich auch was zu sagen.
Am 15. Juni kommt die Wiederveröffentlichung auf M-Plant vom Robert Hood Album überhaupt: Minimal Nation. Wenn das stimmt, was erzählt wird, dann kommt die Reissue in weißem 3×12″ Vinyl inkl. CD-Issue. Schön ist dabei, dass die Platte über News vertrieben wird und dass man bei einem Preis von unter 25 Euro auf eine Limitierung verzichtet.
Seit ein paar Monaten gibt’s im Berghain den Elektroakustischen Salon, wo an einem Wochentag Artists Musik auch abseits der Dancefloortauglichkeit präsentieren können. So wurde am vergangenen Donnerstag die Dial Nacht von der Panorama Bar in den elektroakustischen Salon des Berghains umverlegt, denn in jener Nacht stand Christian Naujoks mitten auf dem Dancefloor – auf einer Bühne. Er hat soeben sein Album auf Dial veröffentlicht und sein Konzert könnte auch in die Kategorie Singer-Songwriter fallen. So saß er an seinem Klavier und singt herzzerreißend seine Lieder. Dann kommt der Beat von der Platte und er erschafft in den nächsten Minuten mit seinem Live-Gesang einen Song, der das Berghain ganz mit Romantik ausfüllt – für ein Rendezvous gab es an diesem Donnerstag keinen besseren Ort. Wie eine dekadente Bar aus einem Science Fiction blieb das Berghain romantisch entspannt und funkelte dabei ein bisschen in Rot und Blau. Im Anschluss spielten Lawrence und Efdemin ebenfalls keinen gewohnten Beat zum Tanzen. So war dann doch vereinzelt ein enttäuschtes Gesicht zu sehen, als es sich langsam abzeichnete, dass es das im Flyer angekündigte Tanzprogramm nicht gab und das Berghain allein den experimentellen Klängen überlassen wurde. Wir hatten trotzdem eine wirklich schöne und irgendwie besondere Zeit im Berghain und als wir uns mit einem wundervollen Soundtrack von Charles Curtis kurz nach Mitternacht wieder aufmachen bin ich mir eigentlich sehr gewiss, dass ich beim nächsten Mal wieder komme. Leider wird es mit unnötig geschürten Tanz-Erwartungen bei 12 Euro Eintritt echt schwer, noch jemanden zu überzeugen und alleine gehe ich meistens doch nicht los..
Dub Techno continues: Detroit’s Luke Hess hat dieser Tage sein Debüt-Album Light In The Dark auf Echochord veröffentlicht. Mit einem müden Blick habe ich dies letzte Woche erstmal so zur Kenntnis genommen – doch dann hab ich festgestellt, dass diese LP durchaus einen Check wert ist. Boomkat schreibt dazu